Der Titel dieses Beitrags ist doppeldeutig: Einerseits geht es um TV-Miniserien, deren Inhalt historische Ereignisse (fiktionaler und nicht-fiktionaler Natur) behandeln, andererseits aber auch um Serien wie etwa Roots, die im wahrsten Sinne des Wortes „TV-Geschichte“ schrieben. Das Schicksal mächtiger und ohnmächtiger Familiendynastien, Geschichten von Aufstieg und Verfall und über das Leben von Abenteurern zwischen Kriegen, fremden Kulturen und Revolutionen – das sind die wiederkehrenden Themen und Inhalte, die seit rund drei Jahrzehnten das globale TV-Publikum fesseln. Hier eine kleine persönliche Auswahl herausragender (historischer) TV-Miniserien …

I, Claudius (1976)
Masterpiece-Theater und der stotternde Historiograph
Diese Serie ist Teil der so genannten Masterpiece Theatre-Anthologie der BBC, die zahlreiche ausgezeichnete historische Miniserien im Theaterformat, darunter beispielsweise auch Elizabeth R. (1971), hervorbrachte. I, Claudius basiert auf einem Roman von Robert Graves aus dem Jahr 1934 und erzählt vom Aufstieg und Fall, Korruption, Intrigen und Verschwörungen innerhalb der Patrizierfamilien der Julier und Claudier. Die Julisch-Claudische Dynastie brachte fünf Kaiser in der Zeit zwischen 27 v. Chr. bis 68 n. Chr. hervor: Augustus, Tiberius, Caligula, Claudius und Nero. Die Serie erzählt vom Anfang der Regentschaft der Julisch-Claudischen Dynastie in der Blütezeit des Augustus bis hin zu Nero und schildert die zunehmende Degeneration dieser Familie aus der Sicht des vierten Kaisers dieser Dynastie, dem stotternden und körperlich behinderten Claudius (Derek Jacobi), der sich selbst eher als Chronisten und Historiographen versteht. Dieser entpuppt sich, trotz seiner Behinderungen, als eines der intelligentesten, rechtschaffensten und scharfsinnigsten Kaiser, die diese Dynastie hervorgebracht hat.
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Roots (1977)
Oral History der Unterdrückten
Alex Haleys Roman Roots – the Saga of an American Family (1976) war die literarische Grundlage für diese Serie, die in den 1970er Jahren für Furore sorgte. Das Leben des stolzen Kunta Kinte, der im 18. Jahrhundert aus seiner Heimat in Gambia von Sklaventreibern gefangen und nach Amerika verschifft wird, bewegte nicht nur das US-amerikanische TV-Publikum, sondern die ganze Welt. Zum ersten Mal wurde ein globales Publikum mit dem persönlichen Schicksal schwarzafrikanischer Familien, die in die Sklaverei getrieben wurden, konfrontiert. Alex Haleys sehr private und mitreißende Recherche nach seinen kulturellen „Wurzeln“ wird in dieser Serie zu einem generationen- und epochenübergreifenden Familienepos. Buch und Serie sind darüber hinaus eine der ersten Produkte einer neuen Form der Geschichtsschreibung: „oral history“ – eine Geschichtsschreibung „von unten“, aus der Perspektive der Machtlosen und Unterdrückten.
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Holocaust (1978)
Identifikation und Katharsis
Die Geschichte der Berliner Familie Weiss während des Nazi-Regimes sorgte weltweit, ähnlich wie Roots, für Furore, Kritik und Rekordzuschauerzahlen. Jüdische Intellektuelle, wie etwa Elie Wiesel, kritisierten das melodramatische Format der Serie: Den Holocaust quasi als „Hintergrund“ für eine Familien-Saga zu benutzen, empfanden viele als geschmacklos, verfälschend und billig. Zudem sind die meisten der Charaktere in der Serie rein fiktional, mit der Ausnahme einiger Nazi- und SS-Offiziere, wie beispielsweise den Holocaust-Architekten Reinhard Heydrich und Adolf Eichmann. Trotzdem besticht diese achtstündige Miniserie als eine Form der quasi-kathartischen Auseinandersetzung mit den Gräueln der Judenvernichtung. Holocaust ist eine der ersten Versuche das „Undarstellbare“ auf der Ebene der emotionalen Identifikation mit den Opfern des Nazi-Regimes darzustellen. 15 Jahre später bearbeitete Steven Spielberg in Schindlers Liste (1993) das Thema Holocaust auf ähnliche Art und Weise.
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Shogun (1980)
Übersetzungen, Begegnungen, Vermittlungen
Clavell’s gleichnamiger Roman basiert auf einer authentischen, sich im 16.Jahrhundert zugetragenen Geschichte eines englischen Seefahrers namens William Blake, der es tatsächlich schaffte sich an die japanische Kultur anzupassen und darüber hinaus ein angesehener Mann wurde. Dies ist keine Geschichte des kulturellen Imperialismus, sondern eine Geschichte der Begegnung mit Würde und eine des Versuchs der respektvollen Annäherung zweier völlig fremder Kulturen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass das Hauptthema dieser Miniserie mit Richard Chamberlain das der „Übersetzung“ ist. Somit ist und bleibt Shogun nicht nur ein einzigartiges Ereignis der TV-Geschichte, sondern bis heute eine der – angesichts der Schwierigkeiten der amerikanisch-japanischen Verhältnisse seit dem Zweiten Weltkrieg – respektvollsten Annäherungen an die Traditionen japanischer Kultur.
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Fackeln im Sturm (1985)
Brüder- und Familienkriege
John Jakes’ Romane North And South (dt. Die Erben Kains), Love And War (dt. Liebe und Krieg) und Heaven And Hell (dt. Himmel und Hölle) kann man bestenfalls als einigermaßen gelungene historiographische Belletristik bezeichnen. Dennoch wird die TV-Serie derzeit, im Rahmen einer ARTE-Reihe zum 200. Geburtstag von Abraham Lincoln, mit einer Wiederholung sozusagen regelrecht „geadelt“. Auch wenn aus heutiger Sicht vieles in dieser Serie zutiefst kitschig wirkt, kann man Fackeln im Sturm nicht einfach ignorieren. Warum? Zunächst einmal besteht der Plot, ganz im Gegensatz zur Eindimensionalität von Vom Winde verweht, geradezu paradigmatisch aus einer Doppelperspektive, nämlich jenen Perspektiven von North und South. Daraus entsteht eine Sichtweise, die den Begriff des „Bürger“- oder „Bruder“-Kriegs ganz wörtlich nimmt: Hier kämpfen Cousins, Brüder und Freunde gegeneinander und keine abstrakten Ideologien oder Gesellschaftssysteme (Moderne vs. Vormoderne etc.).
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Hornblower (1998)
Backbord, Steuerbord, Dreimaster und „Aye, Sir“
Winston Churchill sagte: „Ich finde Hornblower bewundersnwert“. C.S. Foresters (The African Queen, verfilmt von John Huston) populärer elfbändiger Romanzyklus über einen fiktionalen Royal Navy-Offizier namens Horatio Hornblower, der im frühen 19. Jahrhundert, zur Zeit der Napoleonischen Kriege zwischen England und Frankreich, spielt, diente dieser Miniserie als Vorlage. Der Charme des Hauptprotagonisten macht zugleich auch den Charme dieser klassischen Seefahrer-/Abenteuerserie aus. Hornblower steigt dank seiner guten Manieren, seiner praktischen Intelligenz und seines natürlichen Gespürs für „Leadership“ die Karriereleiter vom Fähnrich zum Admiral innerhalb der Royal Navy-Hierarchien geradezu spielerisch hinauf. Für Fans historischer Seefahrergeschichten, die von Backbord, Steuerbord, Dreimaster und „Aye, Sir“ nicht genug kriegen können, ein absolutes Muss.
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Rom (2005)
Historiographische Metafiktion aus der Sicht römischer Fußsoldaten
Diese Serie behandelt vor allem die “kulturellen” Aspekte des antiken Roms: das hybride und durchlässige Verhältnis zwischen den Klassen (Sklaven, Plebejern und Patriziern), die tabulose und geradezu neorealistische Darstellung von Sexualität, Ehe und Beziehungen, Religiosität, Sitten- und Moralvorstellungen zwischen strafenden Göttern, Gewalt und männlicher Ehre in der Antike. Darüber hinaus gibt es zahlreiche interessante Plots und Charaktere rund um die Soldaten Titus Pullo und Lucius Vorenus, den beiden Helden der Serie, im Kontext des Niedergangs der Republik und dem Aufstieg der Alleinherrscher Caesar und Augustus im 1. Jahrhundert vor Christus. Die Serie ist ein gelungenes Beispiel so genannter postmoderner „historiographic metafiction“ im epischen Format. Es behandelt die Vorgeschichte, die zum Niedergang der Republik führte und eignet sich von daher hervorragend als Einstieg zu I, Claudius.
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John Adams (2008)
Zwischen Revolution und Ordnung
Die detailreiche, 750-seitige John Adams Biographie des Autoren David McCollough, die im Jahr 2002 mit dem Pulitzer-Preis für die beste Biographie ausgezeichnet wurde, diente als Vorlage für diese sechsteilige Miniserie, die ebenfalls mit Preisen überhäuft wurde. Sie erzählt die Geschichte des Bostoner Anwalts John Adams, der neben Thomas Jefferson, George Washington und Benjamin Franklin zur wichtigsten treibenden Kraft im Unabhängigkeitskampf und in den darauffolgenden Jahren der politischen Konsolidierung der USA gezählt werden darf. Den scharfzüngigen Rhetor treibt jedoch weniger ein unbedingter Freiheits- und Demokratiewille an (im Gegensatz zu seinem Freund und späteren Gegenspieler Thomas Jefferson etwa, der sich von den Idealen der französischen Revolution mitreißen lässt), sondern eher die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung. Die Serie porträtiert einen Mann, der zeit seines Lebens das Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung akzeptierte, andererseits jedoch auch die Pflichten des Staates auf Wahrung von Gerechtigkeit, Ordnung und Autorität immer wieder unterstrich.
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