Auch in diesem Jahr meine persönliche Bestenliste des vergangenen Jahres. Slumdog Millionaire von Dany Boyle mag filmstilistisch nichts Neues bieten (siehe ausführliche Analyse David Bordwells), dafür konfrontiert er die indische Öffentlichkeit mit einer neuen Form des filmischen (Neo-) Realismus. Clint Eastwoods Gran Torino ist ein Meisterwerk engagierter Filmkunst, das völlig ignoriert wurde, wohingegen Gus Van Sants Milk ein ungeschriebenes Kapitel des Minoritätenkampfs um Bürgerrechte in den USA hinzufügt.

1. Slumdog Millionair
Regie: Danny Boyle
Bollywood und Neorealismus
Wer wird Millionär auf indisch – der mit 8 Oscars ausgezeichnete Film belegt auch auf dieser Bestenliste den Spitzenplatz. Der Film erinnert ein wenig an das brasilianische Meisterwerk City of God (2002). Realismus gepaart mit Referenzen auf die Traumwelten des Bollywoodkinos zeichnet diesen Film aus, der das ewige Thema vom Aufstieg aus der Gosse thematisiert. Mumbai/Bombay dient hier nicht, wie in zahlreichen Bollywoodfilmen, als bloße malerische Kulisse für Liebes- und Tanzeinlagen der Oberschicht. Vielmehr porträtiert der Film die Schattenseiten dieser Weltmetropole: eine Welt aus gigantomanischen Müllhalden, Armut und dem Milieu des kriminellen Untergrunds.
2. Gran Torino
Regie: Clint Eastwood
Gangviolence und Seniorenrésistance
Dieses kleine Meisterwerk engagierter Filmkunst ist bei diesjährigen Preisvergaben völlig ignoriert worden. Warum? Vielleicht weil Eastwood hier einen Antihelden – einen pensionierten Rassisten – spielt. In der Tradition von Ghettogangfilmen, die in Vorortslums amerikanischer Großstädte spielen, á la American History X (1998) beispielsweise, prallen hier Teenager- mit Emigranten- und Seniorenwelten aufeinander: In diesem Fall in „Motown“ Detroit, eines von der gegenwärtigen Wirtschaftskrise am meisten gebeutelten amerikanischen Städte.
3. Milk
Regie: Gus Van Sant
Civil Rights und Filmgeschichte / Geschichte als Film
Inspiriert von einem Dokumentarfilm, The Times of Harvey Milk (1984), schrieb der erst 29 Jahre alte Drehbuchautor Dustin Lance Black das Drehbuch zu diesem Gus Van Sant Film. Er schildert das Leben des homosexuellen Bürgerrechtlers und späteren Stadtrats San Franciscos, Harvey Milk, den Sean Penn in einer schauspielerischen Glanzleistung mit viel Leidenschaft darstellt. Den Kampf um die „Civil Rights“ von Minoritäten fügt dieser Film ein bisher ungeschriebenes Kapitel über den (Strassen-) Kampf der Schwulenbewegung in Hollywoods Geschichtsschreibungen der Vereinigten Staaten hinzu.
4. Synekdoche New York
Regie: Charlie Kaufman
Mise-en-abyme und der Gedankenspielfilm
Synekdoche ist ein Fachausdruck aus der Sprachwissenschaft bzw. der Rhetorik und bezeichnet eine Form der Metapher. Im filmischen oder kunsthistorischen Rahmen könnte man auch von einer Mise-en-abyme oder von Autoreflexivität sprechen – eine seit dem Barock (Velásquez’ Las Meninas etwa) gängige künstlerische Praxis. In dem Film Charlie Kaufmans ist die Mise-en-abyme eines New Yorker Theaterregisseurs (Philip Seymour Hofman) nichts anderes als die Projektion seines narzisstisch-psychotischen Innenlebens in die Welt des Theaters bzw. des Films. Die „Mimesis“ seiner Psychose ist zugleich avantgardistisches Kunstwerk als auch ein weiterer Meilenstein des „Gedankenspielfilms“ á la Eternal Sunshine of the Spotless Mind (2004) oder Memento (2000).
5. Der Vorleser
Regie: Stephen Daldry
Die reale und die symbolische Ordnung
Der Charakter der Hanna Schmitz (Kate Winslet) ist das Enigma dieses Films, das auf der gleichnamigen Romanvorlage des Jura-Professors und Richters Bernhard Schlink beruht und in den USA ein Bestseller war. Der Analphabetismus der Hanna Schmitz, ihre Sinnlichkeit, ihr Interesse für Literatur und auch die Besetzung der Rolle mit eines der derzeit populärsten Schauspielerinnen überhaupt, sorgt zunächst für eine starke Zuschaueridentifikation durch Sympathie. Als ihre Vergangenheit als KZ-Aufseherin im Verlauf des Films offenbar wird, weicht diese Sympathie einer Art Charakter-Rätsel: wie soll man diese Person moralisch be- bzw. verurteilen? Die Obsession mit Ordnung, Kontrolle und Hygiene scheint ein Schlüssel zur Enträtselung dieses ambivalenten Charakters zu sein. Erst mit dem Eintritt in die symbolische Ordnung der Sprache (oder mit anderen Worten: des Gesetzes) scheint für Hanna Schmitz auch der Eintritt in die symbolische Ordnung des Gewissens (Schuld und Sühne) stattfinden zu können.
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Von: Gran Torino | Neue Kinofilme am 26. Februar 2009
um 14:48