Verfasst von: medienkritik | 11. November 2008

Barack Obama / Abraham Lincoln

Was verbindet den 16. mit dem 44. Präsidenten der USA? Auf den ersten Blick nicht viel, aber wenn man genauer hinschaut eröffnen sich erstaunliche biographische Parallelen und historische Zusammenhänge. Mitten während Barack Obamas erster Amtszeit als Präsident ist auch eine Verfilmung von Abraham Lincolns Leben geplant. In der Hauptrolle: Liam Neeson als Lincoln. Regie soll Steven Spielberg führen.

Vielen gilt Abraham Lincoln als bester US-Präsident aller Zeiten. In einer Zeit, in der die noch junge Nation ihre schwierigste Existenzkrise zu bewältigen hatte, wurde ein recht unerfahrener Senator aus Illinois zum 16. Präsidenten der USA gewählt: Abraham Lincoln. Ganze zwei Jahre verbrachte der rhetorisch begabte Lincoln im Washingtoner Senat, bevor er von der neu gegründeten Partei der Republikaner zum Präsidentschaftskandidaten ernannt wurde. Das Parteiprogramm beinhaltete eine zentrale Forderung: Die Abschaffung der Sklaverei.

Die Nation drohte aufgrund der Rassenfrage in einen ländlich geprägten südlichen und in einen industrialisierten nördlichen Staat auseinanderzubrechen. Zudem gab es tatsächlich auch 1857 die erste Weltwirtschaftskrise, die durch Spekulationen von New Yorker Banken ausgelöst wurde. In dieser Zeit der nationalen Spaltungen und der wirtschaftlichen Depression wurde ein 51-jähriger Sohn eines einfachen Farmers aus Kentucky zum US-Präsidenten gewählt. Zum „Mythos Lincoln“ gehört daher auch die Verklärung seiner ärmlichen Herkunft. Der junge Lincoln wuchs in einer winzigen Blockhütte in einem Dorf namens Hodgenville an der so genannten „Frontier“ auf und verbrachte dort seine Kindheit und Jugend bis zum 19. Lebensjahr, in der er nicht einmal ein Jahr lang die Schule besuchte.

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Auch der 44. Präsident der USA erwähnt in seinen Büchern und Reden gerne die ärmlichen Verhältnisse, in denen sein Vater aufwuchs. Bei den Obamas war es jedoch nicht eine Holzhütte, sondern eine Wellblechhütte, in der sein Vater zur Schule ging, wie er in seiner berühmten 2004 Democratic National Convention Keynote Address unterstreicht:

„Tonight is a particular honor for me because, let’s face it, my presence on this stage is pretty unlikely. My father was a foreign student, born and raised in a small village in Kenya. He grew up herding goats, went to school in a tin-roof shack. His father — my grandfather — was a cook, a domestic servant to the British.”

Auch Obama übernimmt ein Land, das durch eine Wirtschaftskrise geht und genau wie Lincoln setzt auch Obama auf die Einheit der Nation, gegen die Spaltungen, Divisionen und auseinanderdriftenden Elemente innerhalb der amerikanischen Gesellschaft, wie er unter anderem in seiner Siegesrede nach den Caucuses in Iowa am 4. Januar 2008 unterstreicht:

“We’re choosing unity over division, and sending a powerful message that change is coming to America. (…) Because we are not a collection of red states and blue states. We are the United States of America.“

Schliesslich zitiert Obama direkt aus Lincolns berühmtester Rede, der so genannten Gettysburg-Address in seiner Siegesrede am 4. November in Chicago:

Obamas Chicagoer Siegesrede:
“From the millions of Americans who volunteered, and organised, and proved that more than two centuries later, a government of the people, by the people and for the people has not perished from the Earth.”

Lincolns Gettysburg Adress:
“(…) that this nation, under God, shall have a new birth of freedom — and that government of the people, by the people, for the people, shall not perish from the earth.”

Hinter den Parallelen zwischen den beiden Illinoiser Präsidenten steckt natürlich auch eine geschickte Wahlkampagne. Immerhin gibt es bereits Andy-Warhol-ähnliche Streetart, die Obamas Gesicht mit lincolnesken Bart und Haaren zeigt. Zudem wiesen Obamas Wahlkampfhelfer bereits 2007 darauf hin, dass sowohl Lincoln als auch Obama lediglich zwei Jahre im Senat verbrachten und Lincoln bekanntlich trotz seiner Unerfahrenheit zum größten US-amerikanischen Präsidenten aller Zeiten wurde. (siehe: Remember Lincoln, Obama Allies Say, Washington Post, 16. Januar 2007). Die gezielten Zitate aus Lincolns Reden, die Betonung der „Union“ gegenüber den heutigen „Sezessionisten“, die das Land in ein rotes und in ein blaues Lager spalten wollen, die ähnlich ärmliche Herkunft (Kentucky-Kenia) und die rhetorische Begabung – all diese lincolnschen Parallelen tragen natürlich auch zur Mythologisierung Obamas bei. Aber sie deuten auch – gewollt oder ungewollt – auf einen großen historischen Bogen hin, der im Jahr 1860, mit dem Kampf um die Abschaffung der Sklaverei anfing und im Jahr 2008 mit der Wahl des ersten Schwarzen zum mächtigsten Mann der USA endet.

Links:
Lincoln – IMDb Eintrag zum geplanten Steven Spielberg Film über Lincoln

Obama is inspired by Lincoln’s writings. Los Angeles Times

Like Lincoln and FDR, Obama faces nation in crisis. Associated Press

Ken Burns Compares Obama to Lincoln. Washington Post

Obama’s Abe Lincoln strategy. A marriage of narratives. Chicago Sun Times


Antworten

  1. Hm… das scheint mir doch eher etwas random, diese Parallelen, außer natürlich, man sieht wirklich die Werbekampagnen als Analogie, die von Lincoln allerdings, muss ich zugeben, kenne ich jetzt nicht ganz so gut wie die von Obama, der in jedem Fall auf die Bürger zugeht und sie in seine Kampagnen einschließt… siehe auch diese Publikation http://prodialog.org/content/publikationen/buecher/obama

  2. Ja denke auch dass das ne Wahl- bzw. Werbekampagne ist und auch ne gezielt gezogene Parallele, durch die Zitate etc. Vielleicht sieht Obama Lincoln auch als eine Art Vorbild, da sie beide aus ärmlichen Verhältnissen kommen und aus Illinois, lediglich 2 Jahre im US-Senat sassen, bevor sie Präsidentschaftskandidaten wurden etc. Am 12. Februar 2009 ist zudem Lincolns 200. Geburtstag – nur ein paar Wochen nach Obamas Inauguration zum US-Präsidenten. Das passt natürlich auch.

  3. [...] LINK: Barack Obama / Abraham Lincoln – Media-Tetrads [...]


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