Verfasst von: medienkritik | 11. September 2008

Filme über Politiker

Eine Bestenliste über Spielfilme mit politischem Inhalt aufzustellen scheint fast unmöglich, wenn man bedenkt, wie viele Filme politische Thematiken auf die eine oder andere Art und Weise im Plot aufgreifen. Wenn man das Sujet jedoch auf „Politiker als Protagonisten“ eingrenzt, lichtet sich das Feld an herausragenden Drehbüchern und Filmen zusehends. Mit „Filme über Politiker“ sind deshalb hier Filme gemeint, deren Inhalte insbesondere die Machtkämpfe, Intrigen und Verschwörungen „hinter den Kulissen“ sind; Filme also, deren Drehbuchmaterial entweder von Insider-Journalisten recherchiert und fiktionalisiert wurden oder einen einzigartigen Blick auf politische Macht und/oder Machtmissbrauch werfen.

Mr. Smith Goes to Washington (1939)
Regie: Frank Capra
Drehbuch: Lewis R. Foster (Romanvorlage) & Sidney Buchman
Protagonist: US-Senator aus Montana
Wiki Link: Mr. Smith Goes to Washington
In Frank Capras wohl besten Film, „Mr. Smith Goes to Washington“ aus dem Jahr 1939, wird eine Art märchenhafte Parabel über den „American Dream“ erzählt. Das naive Landei Mr. Smith, gespielt von James Stewart, wird von Washingtoner Strippenziehern gezielt in den Senat gewählt, um dort brav für seinen Co-Senator aus Montana bei Abstimmungen die Hand zu heben. Die Rechung geht jedoch nicht auf, da sich Mr. Smith (ein Synonym für Mr. American Durchschnitt) tatsächlich auch um die Belange des „einfachen Mannes aus Montana“ kümmert. Der Film gipfelt in einer ausufernden Rede vor dem Senat, in der auf eine beeindruckende Weise an den Patriotismus und die Grundwerte der Demokratie appelliert wird. Die Vorführung des Films wurde (nicht nur deshalb) in gleich mehreren faschistischen und kommunistischen Diktaturen der 1930er und 1940er Jahre verboten, nämlich in Deutschland, Italien, Spanien und der Sowjetunion.

The Best Man (1964)
Regie: Franklin J. Schaffner
Drehbuch: Gore Vidal
Protagonist: Präsidentschaftskandidat der Republikaner
Wiki Link: The Best Man
Henry Fonda spielt in diesem herausragenden Klassiker des Polit-Films der Ära Lyndon B. Johnson einen Präsidentschaftskandidaten einer nicht näher spezifizierten amerikanischen Partei (wahrscheinlich der Republikaner), die sich im Wahlkampf befindet. Seinen Widersacher um die Gunst der Parteifreunde spielt Cliff Robertson. Gore Vidals ziemlich authentisch wirkendes Drehbuch basiert auf dem gleichnamigen Broadway Theaterstück, das auch aus seiner Feder stammt. Ganz nach aristotelischem Verständnis von Drama und Tragödie konzentriert sich die Handlung auf einen einzigen Tag, nämlich auf den Parteitag (National Convention), auf dem der Präsidentschaftskandidat gewählt werden soll. Viele geradezu prototypische Themen der amerikanischen Kandidatenwahl werden angeschnitten: sexuelle Untreue vs. verlogene Doppelmoral, intellektuelle Lebensfremdheit und Abgehobenheit vs. Bodenständigkeit und Opportunismus, labile Psyche vs. Skrupellosigkeit, dunkle Vergangenheiten und Intrigen – Themen also, die auch heute noch die Spin-Doktoren der Kandidaten beschäftigen.

Nixon (1995)
Regie: Oliver Stone
Drehbuch: Stephen J. Rivele, Eric Hamburg, Oliver Stone
Protagonist. Richard Nixon (37. Präsident der USA)
Wiki Link: Nixon
Co-Drehbuchautor Eric Hamburg war politischer Redenschreiber und Mitglied im außenpolitischen Komitee des amerikanischen Repräsentantenhauses. Er war auch der Hauptinitiator der Idee einer Nixon Biographie in Filmformat, als er sich mit Oliver Stone auf ein Dinner traf. Die Idee bestand daraus, in Interviews mit Nixon Vertrauten und Mitarbeitern sowohl Fakten als auch spekulative Gerüchte über Nixons privates und öffentliches Leben zu einem glaubwürdigen biographischen Narrativ elegant zusammenzuweben. Mit Erfolg! Die Nixon Biographie Oliver Stones gehört mit zu den besten Filmen über Politiker, da sich Stone getraut hat alle möglichen Facetten des Charakters Nixon anzuschneiden: seinen Alkoholismus, sein fehlendes Verständnis für die 68er Bewegung, seine Einsamkeit und sein gebrochenes Verhältnis zu seiner Frau. Der traumatische Tod des großen Bruders in Nixons früher Kindheit wird als psychologisches Schlüsselerlebnis interpretiert, was zusätzlich zur Glaubwürdigkeit von Anthony Hopkins` Charakterdarstellung des 37. US-Präsidenten beiträgt.

City Hall (1996)
Regie: Harold Becker
Drehbuch: Kenneth Lipper
Protagonist: Bürgermeister von New York City
Wiki Link: City Hall
Drehbuchautor Kenneth Lipper war nicht nur Schriftsteller, Anwalt und Universitätsprofessor, sondern auch stellvertretender Bürgermeister von New York City (1983 – 1985). Nicht nur deshalb zeichnet sich „City Hall“ ganz besonders durch seine Authentizität aus. Al Pacino spielt den charismatischen Bürgemeister New York`s, John Pappas, der gleich mehrere lokalpolitische Krisen zu bewältigen hat. Sein jugendlich idealistischer Stellvertreter und Redenschreiber Kevin Calhoun (John Cusack als Drehbuchautor Kenneth Lippers alter ego) wird von Pappas beauftragt die Ermordung eines 6-jährigen schwarzen Jungen aus Brooklyn zu recherchieren. Er stößt dabei auf einen viel größeren Politskandal, der sich bis in die „City Hall“, das Rathaus New Yorks zieht und schließlich die moralische Integrität des Bürgermeisters in Frage stellt.

Wag the Dog (1997)
Regie: Barry Levinson
Drehbuch: David Mamet, Hillary Henkin
Protagonist: Spin-Doktor eines US-Präsidenten
Wiki Link: Wag the Dog
„Wag the Dog“ hat zwar keinen Politiker als Protagonisten, dafür aber einen mindestens ebenso wichtigen „political player“, nämlich den „Spin-Doktor“ des amtierenden US-Präsidenten. Der Film beruht auf einer Romanvorlage („American Hero“ von Larry Beinhart), die weitaus direkter und weniger satirisch als der Film George Bushs ersten Irak Krieg 1990-1991 als reine Medienkampagne interpretiert, um von einem Sexskandal abzulenken. Das ganze erinnert ein wenig an medienkritische Thesen des französischen Philosophen Jean Baudrillard, zeigt aber auch den zunehmenden Einfluss von Spindoktoren und Medieninszenierungen in der Politik.

Primary Colors (1998)
Regie: Mike Nichols
Drehbuch: Joe Klein
Protagonist: Präsidentschaftskandidat der Demokraten
Wiki Link: Primary Colors
Mike Nichols Lieblingsgenre ist die Satire: Catch-22 (1970) und Charlie Wilsons War (2007) sind Beispiele für Nichols` herausragendes polit-satirisches Talent. Einen recht guten Einblick in die „Primaries“ der Präsidentschaftswahlen des Jahres 1991, als der damals noch recht unbekannte Gouverneur von Arkansas (Bill Clinton) das Rennen bei den Demokraten machte, liefert der Hollywoodstreifen „Primary Colors“. John Travolta spielt Bill und Emma Thompson Hillary Clinton – so zumindest munkelte man als der Film in die Kinos kam. Der Film selbst beruht auf einem gleichnamigen Roman aus dem Jahr 1996, von dem zunächst niemand wusste wer eigentlich der Autor war. Später stellte sich jedoch heraus dass höchstwahrscheinlich Joe Klein das Buch schrieb … ein den Republikanern und dem Bush Clan nahestehender Journalist. Auch wenn unter dem fragwürdigen Vorzeichen, dass die Romanvorlage von einem Bush Anhänger stammt, zeigt „Primary Colors“ wie die einstigen Ideale von Bill und Hillary den „reality-check“ nicht überstehen und wie beide Schritt für Schritt immer tiefer in den amerikanischen Politsumpf aus Lügen, Vertuschungen und Bestechungen hinabtauchen.

Milk (2008)
Regie: Gus Van Sant
Drehbuch: Dustin Lance Black
Protagonist: San Francisco Stadtrat
Wiki Link: Milk
Inspiriert von einem der besten Dokumentarfilme aller Zeiten,  The Times of Harvey Milk (1984), schrieb der erst 29 Jahre alte Drehbuchautor Dustin Lance Black das Drehbuch zu diesem Gus Van Sant Film. Er schildert das Leben des homosexuellen Bürgerrechtlers und späteren Stadtrats San Franciscos, Harvey Milk, den Sean Penn in einer schauspielerischen Glanzleistung mit viel Leidenschaft darstellt. Dass es ausgerechnet in der Hippy-Hochburg der 1970er Jahre schlechthin ein schwuler Politiker dermassen schwer hat, einen politischen Posten zu ergattern, ist aus heutiger Perspektive nahezu unvorstellbar. Den Kampf um Gleichberechtigung und Bürgerrechte fügt dieser Film ein bisher ungeschriebenes Kapitel über den (Strassen-) Kampf der Schwulenbewegung in Hollywoods Geschichtsschreibungen der Vereinigten Staaten hinzu.

Weitere Links:
Wiki Link: Politics in Fiction (ausführliche Liste zum Thema in Literatur, Film, TV und Comics)


Einen Kommentar hinterlassen

Ihre Antwort:

Kategorien