Verfasst von: medienkritik | 1. Juli 2008

„Liberal Arts“ – Politische Rhetorik in den USA

„Ein guter Redner“ – in den USA ist das ein Kompliment. Hierzulande meint man damit entweder eine „hohle“, also inhaltsleere Persönlichkeit oder jemanden der es versteht Menschen mit Worten zu manipulieren. Selbstverständlich hat das deutsche Misstrauen mit „guten Rednern“ seine Wurzeln im Nationalsozialismus und dem rhetorisch begabten „Massenverführer“ Adolf Hitler. In den USA hat die Tradition der Rhetorik jedoch andere Hintergründe, die fest verwurzelt im amerikanischen Bildungssystem sind. Die Rede ist von den so genannten „Liberal Arts“ oder den „Septem Artes Liberales“.

Der kürzlich verstorbene Neil Postman erwähnt in seinem medienkritischen Bestseller „Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie“ eine interessante rhetorische Anekdote aus der amerikanischen Vergangenheit:

„Die erste der sieben berühmten Debatten zwischen dem Republikaner Abraham Lincoln und dem Demokraten Stephen A. Douglas fand am 21. August 1858 in Ottawa, Illinois, statt. Es war abgemacht, dass Douglas als erster sprechen sollte, eine Stunde lang; dann sollte Lincoln eineinhalb Stunden zur Erwiderung haben und schließlich Douglas noch einmal eine halbe Stunde, um auf Lincolns Erwiderung zu antworten. Diese Debatte war erheblich kürzer, als es die beiden Männer gewohnt waren. (…) In Peoria, Illinois, zum Beispiel hatte Douglas am 16. Oktober 1854 eine dreistündige Ansprache gehalten, auf die Lincoln verabredungsgemäß antworten sollte. Als er schließlich an der reihe war, machte er sein Publikum darauf aufmerksam, dass es schon 5 Uhr nachmittags sei; er selbst werde für seine Rede wahrscheinlich ebensoviel Zeit benötigen wie Douglas, und es sei vorgesehen, dass dieser noch einmal Gelegenheit zur Erwiderung bekommen sollte. Lincoln machte seinen Zuhörern deshalb den Vorschlag, sie sollten heimgehen, zu Abend essen und dann erfrischt zurückkommen, um weitere vier Stunden lang den Reden zu folgen. (…) Wer waren diese Leute, die sich freudigen Herzens sieben Stunden Rednerkunst gefallen ließen? (…) Es waren Leute, die in solchen Anlässen ein wesentliches Element ihrer politischen Bildung, einen integralen Bestandteil ihres sozialen Lebens sahen und die an ausgedehnte rednerische Darbietungen durchaus gewöhnt waren.“ Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode, S. 60-61.

Diese amerikanische Tradition politischer Redekunst besteht auch heute noch. Allerdings haben die Kandidaten auf amerikanischen Fernsehdebatten des 21. Jahrhunderts nicht mehr drei Stunden Zeit zu antworten, sondern ganze drei Minuten. Trotzdem besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem amerikanischen Bildungssystem, der Tradition der Rhetorik und einem Verständnis von Politik als genuin „rhetorische Disziplin“. Woran liegt das?

Liberal Arts oder Septem Artes Liberales: Schlüsseldisziplin Rhetorik
Das amerikanische Bildungssystem beruht wesentlich auf dem System der so genannten „Liberal Arts Colleges“. Die Encyclopaedia Britannica definiert diese Colleges folgendermaßen: „(…) a college or university curriculum aimed at imparting general knowledge and developing general intellectual capacities, in contrast to a professional, vocational, or technical curriculum”. Die Betonung liegt hier auf “general knowledge and intellectual capacities” im Gegensatz zu Spezialwissen und Fachkenntnissen. Die Immatrikulation auf eines der zahlreichen „Liberal Arts Colleges“ in den USA hat also zum Ziel, dem Studenten ein möglichst umfangreiches Allgemeinwissen auf den Weg zu geben.

Die Struktur der Liberal Arts Curricula beruht dabei auf einem aus dem Spätmittelalter und der Renaissance beruhenden pädagogischen Instrumentarium: den Septem Artes Liberales, bestehend aus den sprachlichen Fächern des Triviums (Rhetorik, Logik, Grammatik) und den mathematischen Fächern des Quadriviums (Musik, Geometrie, Arithmetik, Astronomie). Nicht zufällig waren es Rhetorik-Lehrer des antiken Rom (Cicero und Quintilian) die das System der Septem Artes Liberales für vor allem patrizische und adlige Studenten der gehobenen sozialen Schichten in Rom einführten. Deshalb kann man auch mit Fug und Recht behaupten, dass der Rhetorik eine Art Schlüsselfunktion in der Grundausbildung jedes Studenten von der Antike bis in die Renaissance innehatte. Denn die Aneignung der wesentlichen Teile das gesamten Bildungskanons (Trivium und Quadrivium) versetzt den Redner erst in den „Vollbesitz der Einsicht und Gelehrsamkeit“ (Cicero, De Oratore, 3, 122) – und zwar auf jedem Forum: vor Gericht, vor einer Volksversammlung, vor einer Festgemeinschaft. Allerdings zielte die Grundausbildung der Septem Artes Librales nicht nur auf ein möglichst umfangreiches Allgemeinwissen, sondern auch auf eine ethisch-moralische Erziehung und war insofern auch Scholastikern des Mittelalters von großem Nutzen.

Kein Zufall also, dass in den USA, wo es bis heute hunderte so genannter „Liberal Arts Colleges“ gibt, auch die Rhetorik, die eloquente Rede, die alle anderen Disziplinen quasi miteinander verbindet, eine Schlüsselposition in der Allgemeinbildung von amerikanischen Studenten einnimmt. Wer sich ein Bild über die Wichtigkeit rhetorischer Begabung im amerikanischen Bildungssystem machen will, empfehle ich auch den neuen Kinofilm Denzel Washingtons` „The Great Debaters“ – auch als aktuellen Bezug auf Barack Obamas Redekunst.

Links
AmericanRhetoric – The Power of Oratory in the US
Liste der „Liberal Arts Colleges“ in den USA (Wiki)
Septem Artes Liberales (Wiki)
The New Cicero – Guardian Artikel zu Barack Obama

Buch-Tipp: Elvin T. Lim, The Anti-Intellectual Presidency. The Decline of Presidential  Rhetoric from  George Washington to George W. Bush


Antworten

  1. Wieder ein sehr gelungener Artikel! Tatsächlich wird in Deutschland „Rhetorik“ (und besonders auch „politische Rhetorik“) bei vielen Leuten mit dem Nationalsozialismus assoziiert. Dennoch sollte man nicht vergessen, dass die Rhetorik im Grunde ein Kind der Demokratie ist (siehe z.B. beiAlles bloß Rhetorik). Man könnte die These wagen, dass die rhetorische (Bildungs-)Tradition gerade deshalb in den USA so lebendig ist, weil Demokratie als Wert seit Gründung der USA dort eine so große Rolle spielt (zumindest für die Mehrheit der Bevölkerung). Dadurch konnte die Rhetorik ihre demokratiestützende und -fördernde Kraft in den USA voll entfalten – im Gegensatz zu Deutschland, wo Rhetorik während der Zeit des Nationalsozialismus von einer politischen Elite als Technik der Massenmanipulation eingesetzt wurde, was wiederum dazu führte, dass „Rhetorik“ nicht als politischer Interessenartikulations- und Konsensfindungsprozess sondern als „Fremdsteuerung von oben“ erlebt wurde.

  2. Ja das ist ein wichtiger Zusatz zu dem Artikel oben.
    Ich denke auch, dass Rhetorik und Demokratie in einem unmittelbaren Bezug stehen, nicht nur wegen ihrer Ursprünge in der antiken Polis, sondern auch weil die Kunst des Debatierens eben darauf beruht die „Opposition“ mit Worten und Argumenten zu überzeugen und nicht mittels Gewalt. Demokratisch ist das in dem Sinne, da die richtigen Argumente eben „jeder“ haben kann, egal welche Herkunft oder wieviel Macht er oder sie hat.

  3. [...] LINK: “Liberal Arts” – Politische Rhetorik in den USA [...]


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