Im letzten Jahrhundert ist ein Trend in der Philosophie und deren angrenzenden Geistes- und Kulturwissenschaften zu beobachten, der seitdem modifiziert, historisiert und kontextualisiert wurde. Es handelt sich insbesondere um einen französischen Diskurs, der zahlreiche Publikationen zum Thema Visualität und Moderne hervorgebracht hat. Michel Foucault hat die Kritik der Dominanz des Visuellen in der westlichen Kultur am deutlichsten formuliert. Aber auch andere Philosophen und Kulturhistoriker wie etwa Jean Paul Sartre, Guy Debord und Emmanuel Levinas beteiligten sich am „antivisuellen“ Diskurs des 20. Jahrhunderts.
Rene Descartes: Positivismus des Visuellen
Vielleicht handelt es sich nicht gerade um einen Zufall, dass ausgerechnet in Frankreich der „antivisuelle Diskurs“ am stärksten und euphorischsten formuliert wurde. Es handelt sich nämlich vor allem um eine Kritik des Cartesianischen Rationalismus. Der Übervater der französischen Philosophie René Descartes formulierte nämlich im 17. Jahrhundert den Dualismus zwischen Subjekt und Objekt und die Perspektivität des Visuellen und öffnete damit sowohl Naturwissenschaftlern als auch Künstlern den Weg das Visuelle in geordnete und strukturierte Schemen zu kategorisieren. Die Folgen des Cartesianischen „mind/body split“ kritisierten deshalb eine Reihe französischer Philosophen des 20. Jahrhunderts. Hier eine kurze Übersicht.
Wiki: René Descartes
Michel Foucault: Panoptikon / Medizinischer Blick
In seinem Buch „Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses“ bespricht Foucault ein Konzept des britischen Philosophen Jeremy Bentham zum Bau von Fabriken und Gefängnissen: das Panoptikon. Foucault sieht das Panoptikon als zentrale Metapher der westlichen Kultur, die er deshalb auch „Disziplinarsgesellschaften“ bezeichnet. Im Panoptikon (oder dem Überwachungsstaat) entgeht dem Wärter/Aufseher nichts, da er alle Individuen stetig „im Blickfeld“ hat. Eine weitere Kritik der Visualität richtet Foucault an die Adresse der Schulmedizin, die mit ihrem „medizinischen Blick“ Menschen dehumanisiert, indem sie den Körper als reine Maschinerie betrachtet und somit von der Seele trennt.
Wiki: Michel Foucault
Henri Bergson: Verräumlichung der Zeit
Für Bergson hat die westliche Naturwissenschaft seit der Neuzeit den Raum rational (visuell) in Raster durchkategorisiert und sie von der Dimension Zeit getrennt. Der Raum ist für die Mathematik, Geometrie und Logik mit dem Verstand erfassbar, deshalb anaylsier- und messbar. Die Zeit hingegen ist ein stetiger Fluss, der nur intuitiv begriffen werden kann. Wenn die Naturwissenschaft vorgibt Zeit zu messen, misst sie in Wirklichkeit jedoch lediglich Bewegungen von Objekten im Raum. Dies nennt Bergson die „Verräumlichung der Zeit“, ausgelöst durch die modernen Naturwissenschaften. Man könnte jedoch auch von „Visualisierung von Zeit“ sprechen. Somit trennt der „naturwissenschaftliche Blick“ die menschliche Wahrnehmung von der Intuition.
Wiki: Henri Bergson
Jean Paul Sartre: Sadomasochismus des Blicks
Sartres Kritik richtet sich vor allem gegen die „objektivierende“ Haltung des Blicks. Erst wenn wir uns bewusst sind, dass wir vom „Anderen“ ständig (als Objekt) gesehen oder überwacht werden, wissen wir um unsere eigene Präsenz/Existenz. Sartre schreibt, dass wir uns selbst lediglich durch die Augen des anderen wahrnehmen, und uns deshalb selbst genauso „objektivieren“, wie wir das auch bei anderen tun. Somit raubt uns der Blick des Anderen unsere Freiheit uns als Individuum selbst zu definieren und vice versa. Deshalb spricht Sartre auch vom „Sadomasochismus“ des objektivirienden Blicks. Gemeint ist natürlich der Blick der den Anderen in Schubladen, Kategorien etc. steckt. Sartres Kritik beruht nicht zufällig auf Lacanscher Psychoanalyse und wurde vor allem durch Feministinnen (Luce Irigaray) und in der psychoanalytischen Filmtheorie (Kaja Silverman) weiter ausgebaut.
Wiki: Jean Paul Sartre
Guy Debord: Gesellschaft des Spektakels
Debords Kritik an der westlichen Kultur nannte er „Gesellschaft des Spektakels“. Man kann das aber auch mit „Gesellschaft der glitzernden Oberflächen“ übersetzen. Eine Gesellschaft des Scheins, basiert insbesondere auf der massenhaften Produktion von (vor allem visuellen) Scheinwelten und durchdringt alle Sphären der menschlichen Interaktion: Wirtschaft, Intimsphäre, Politik etc. Das „zur Schau stellen“ wird in einer Welt des bloßen Scheins zum Non plus Ultra gesellschaftlicher Kommunikation und ersetzt den Dialog. Individualität, authentische Erfahrung und auch Spiritualität gehen in der Oberflächenwelt der westlichen Industrienationen verloren. Mit Debords eigenen Worten: „Da, wo sich die wirkliche Welt in bloße Bilder verwandelt, werden die bloßen Bilder zu wirklichen Wesen und zu den wirkenden Motivierungen eines hypnotischen Verhaltens.“
Wiki: Guy Debord
Emmanuel Levinas: Visuelle Geschlossenheit vs. face to face
Auch Emmanuel Levinas steht wie seine französischen Zeitgenossen der Dominanz des Visuellen in der westlichen Kultur kritisch gegenüber. Levinas behauptet, dass diese visuelle Dominanz in einer Herren/Sklave Dialektik (Hegel) resultiert. Visualität favorisiert, so Levinas, eine Welt aus festen Objekten mit klar definierten Kanten, um eine klar festgelegte Trennung zwischen Objekt und Subjekt herzustellen. In einer solchen Welt erscheinen andere Menschen wie verschiebbare Möbel. Eine Rettung aus der Geschlossenheit und aus dem Eingesperrtsein in der visuellen Welt sieht Levinas in der „face to face“ Kommunikation zwischen Individuen, in der es keine klar definierte Geschlossenheit mit Kanten und Rändern gibt, sondern Offenheit und Ungenauigkeit.
Wiki: Emmanuel Levinas
Marshall McLuhan: Alphabetisierung der Sinne
McLuhans Kritik an der visuellen Dominanz der westlichen Kultur ist weniger durch die französische Philosophie beeinflusst. Andererseits jedoch hatte McLuhan einen großen Einfluss auf die französischen Diskurse über „Antivisualität“ in den 60er Jahren, da er in Paris neugierig rezipiert wurde. Laut McLuhan ist der Ursprung der Dominanz des Visuellen in der westlichen Kultur auf Gutenberg und die Erfindung des Buchdrucks zurückzuführen. Das Erlernen des Alphabets und das Lesen von Büchern favorisiert den Sehsinn und somit die visuelle Aufarbeitung der Realität, vernachlässigt zugleich jedoch alle anderen Sinne, insbesondere den Hör- und Tastsinn. McLuhan formulierte letztendlich eines der radikalsten Kritiken an der Rationalität der Visualität, indem er aufzeigte, wie uns die einseitige Fokussierung auf den Sehsinn von unseren anderen Sinnen abgekoppelt hat und uns zu amputierten Prothesengöttern machte.
Wiki: Marshall McLuhan
Literatur zum Thema:
: Downcast Eyes. The Denigration of Vision in Twentieth-Century French Thought (1993)
