Verfasst von: medienkritik | 14. Februar 2008

Obama – Politiker des Common Sense

Die deutsche Öffentlichkeit rätselt derzeit über den Erfolg Barack Obamas bei den US-amerikanischen Präsidentschaftsvorwahlen. Nur wenige scheinen zu verstehen, was sich derzeit in den USA wirklich abspielt. Versuche, den ersten schwarzen Senator aus Illinois in eine demographische, parteipolitische oder ideologische Schublade zu stecken scheitern bereits im Ansatz. Am ehesten versteht man ihn noch als rhetorisch geschickten „Inspirator“ der Massen oder Web 2.0 Phänomen der jungen Generation. Wenn man Obamas autobiographische „Bekenntnisse“ liest („The Audacity of Hope“) lässt sich jedoch besser verstehen was hinter Obamas Gedankengut steckt, nämlich ein Konzept von Politik, das in Vergessenheit geraten zu sein schien: Common Sense.

Spalten vs. Vereinen
Die eigentlichen (nicht nur politischen) Probleme der USA, lassen sich, so Obama in seinem Bestseller „The Audacity of Hope“, ganz grundsätzlich darauf zurückführen, dass die amerikanische Gesellschaft seit den 1960er Jahren zunehmend in sich gegenseitig bekriegende politisch-soziale Interessensgruppen aufgespaltet wurde. Ob nun Feministinnen, Schwule, Bürgerrechtler, christliche Fundamentalisten, Schwarze, Weiße, Latinos, Konservative, Liberale oder reich, middle class und arm – all diese sozialen, politischen oder kulturellaudacityofhope.jpgen Gruppierungen wurden im Lauf der Jahrzehnte mit bestimmten Werten assoziiert und schließlich zu partei-, medien- und finanzpolitischen Zwecken instrumentalisiert.

Was Obama jedoch in seinem Buch aufzeigt ist, dass diese Trennlinien, schwarz-weiß-Malereien und Spaltungen innerhalb der amerikanischen Gesellschaft nicht nur zu Frustrationen, Zynismus und Stagnation führen, sondern auch, dass diese im Grunde genommen konstruiert und daher fiktiv sind. Die meisten Amerikaner kümmern sich eher um ihre Alltagsprobleme rund um Familie, Job, Gesundheit und „paying the bills“ und haben deshalb viel mehr gemeinsame Interessen und Probleme als divergierende Streitpunkte. Die Philosophie, die hinter dieser recht simplen und einleuchtenden Argumentation steckt, lässt sich am besten mit „Common Sense“ beschreiben.

Sensus Communis – Paine, Aristoteles, Kant und Thomas von Aquin
Dass der Begriff des „Common Sense“ gerade in der amerikanischen Geschichte eine bedeutende Rolle spielt, ist auf Thomas Paines 1776 veröffentlichtes Pamphlet mit dem gleichnamigen Titel zurückzuführen. Es erreichte damals eine bestsellerwürdige Auflage von 120.000 Exemplaren in drei Monaten. Paine befürwortete die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika vom britischen Empire und argumentierte, dass es das natürliche Recht jedes Menschen sei, sich selbst zu regieren, basierend auf Freiheit und Gleichheit. Kurz darauf erschien auch die von Thomas Jefferson formulierte und wesentlich durch Paine beeinflusste Declaration of Independence, in der Paines Ideen als “selbstverständliche” Wahrheiten bezeichnet wurden.

Obama selbst beruft sich in „The Audacity of Hope“ immer wieder auf die Gründerväter der amerikanischen Nation und deren „inspirierende“ Botschaft. Auch wenn Paines Name dabei nie erwähnt wird, ist der Einfluss der „Common Sense“ Idee deutlich zu spüren. Der Begriff des „Sensus Communis“ taucht als erstes bei Aristoteles auf, später auch beispielsweise bei Thomas von Aquin (der Aristoteles Ideen fortführt) und Immanuel Kant. Aristoteles und Thomas beschreiben dabei vor allem eine Sinnen- bzw. Wahrnehmungslehre, bei der die „Sensus Communis“ eine Art Vermittler (Communis) zwischen den fünf Sinnen (Sensus) und dem Verstand ist. Mit anderen Worten: um adäquate, der Wirklichkeit gerechte Urteile fällen zu können, ist ein intakter „Gemein-Sinn“ nötig, nicht fragmentierende Teilbetrachtungen.

Obama – Politiker des Sensus Communis
Schon im ursprünglich philosophischen Gebrauch des Begriffs „Common Sense“ steht also die Idee des „Gemeinsamen“. Obamas politische Philosophie lässt sich deshalb nicht nur wegen der Einflüsse Paines und Jeffersons als „Sensus Communis“ -Politik bezeichnen, sondern eben auch aufgrund dieses grundsätzlichen Paradigmas des „Common Sense“- Denkens und Urteilens. Kein Wunder also, dass die üblichen Schubladen der politischen Kommentatoren und Experten (schwarz/weiß, liberal/konservativ etc.) nur schwerlich auf Obama zutreffen können: das „Sensus Communis“ – Denken versucht jenseits dieser Schubladen eine „gemeinsame“ Ebene zu finden, um sich aus allen Teilbereichen ein ausgeglichenes Bild der Wirklichkeit zu machen. Nur so lässt sich auch der Zuspruch für Obama aus nahezu allen politischen, sozialen und ethnischen Lagern der USA erklären und das Versprechen auf einen gesellschaftlichen Wandel: zuerst müssen die Schubladen im Kopf weg, erst dann kann sich eine Gesellschaft neu erfinden.

Links:
Gemeinsinn, Sensus Communis, Common Sense (Lexikon der Philosophie)
Thomas Paine: „Common Sense“ (Wiki)
Barack Obama: „The Audacity of Hope“ (Wiki)


Einen Kommentar hinterlassen

Ihre Antwort:

Kategorien