Vergleicht man die Filme, die für den diesjährigen Oscar nominiert wurden oder derzeit im Kino laufen mit den zahlreichen ausgezeichneten (zumeist US-amerikanisch produzierten) TV-Serien, die weltweit im Fernsehen zu sehen sind, kann man nur eines feststellen: klassische epische Dramen von literarisch hoher Qualität finden nicht mehr im Buch oder auf der Kinoleinwand, sondern im Fernsehen statt! Die Zahl der Qualitätsserien ist in den letzten fünf, sechs Jahren so exponentiell gestiegen, wie die Zahl der Qualitätskinofilme gesunken ist. Es scheint gerade mal so, dass sich die talentiertesten Autoren und Regisseure heutzutage zunehmend mehr für das Serienformat in epischer Länge, als für die Kurzgeschichte im Kinoformat interessieren. Kein Wunder: Charakter- und Plotentwicklung – die Darstellung der großen gesellschaftlichen Zusammenhänge (Makrokosmos) – eignen sich im Serienformat sehr viel besser als im stark verkürzenden und deshalb lediglich fragmentarischen Short-Story Format des Spielfilms (Mikrokosmos). Hier eine Beschreibung der besten TV-Serien, die man derzeit im TV sehen kann.
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Battlestar Galactica (Sci-Fi Channel)
Diese stilsichere Science-Fiction Serie erzählt vom Exodus der menschlichen Rasse und dem epischen Kampf gegen selbst-geschaffene Maschinen-Ungeheuer, den Zylonen. Was Galactica außergewöhnlich macht und von den zahlreichen anderen Science-Fiction Serien unterscheidet, ist nicht nur die künstlerisch hochwertige Art-Direction, der Realismus und die ausgezeichneten Darsteller, sondern eben das Thema Immigration und die Suche nach dem letzten vom Holocaust verschonten Menschen-Planeten, der Erde. Astrologische, religiöse und mythologische Metaphern, Themen und Symbole lassen eine Däniken-artige Ursprungsgeschichte der Menschheit vermuten, womit „Battlestar Galactica“ viel mehr thematisiert als den bloßen Kampf Mensch gegen kybernetische Lebensform. Nebenbei wird ganz nach klassischen Vorlagen von Meisterwerken dieses Genres (AI, 2001, Terminator, Blade Runner) die Thematik „Was ist human und was Maschine?“ brillant durchexerziert.
Einflüsse:
Bibel: Moses, Buch 2 (Exodus aus Ägypten)
Homer: Ilias
Erich von Däniken: Erinnerungen an die Zukunft
Rom (HBO)
Diese Serie behandelt vor allem die “kulturellen” Aspekte des antiken Roms: das hybride und durchlässige Verhältnis zwischen den Klassen (Sklaven, Plebejern und Patriziern), die tabulose und geradezu neorealistische Darstellung von Sexualität, Ehe und Beziehungen, Religiosität, Sitten- und Moralvorstellungen zwischen strafenden Göttern, Gewalt und männlicher Ehre in der Antike. Darüber hinaus gibt es zahlreiche interessante Plots und Charaktere rund um die Soldaten Titus Pullo und Lucius Vorenus, den beiden Helden der Serie im Kontext des Niedergangs der Republik und dem Aufstieg der Alleinherrscher Caesar und Augustus im 1. Jahrhundert vor Christus. Die Serie ist ein gelungenes Beispiel so genannter postmoderner „historiographic metafiction“ im epischen Format und setzt sich locker über alle bisher da gewesenen Fiktionalisierungen der politischen und militärischen Machtkämpfe, sozialen Verhältnisse und kulturellen Besonderheiten im römischen Imperiums hinweg.
Einflüsse:
Caesar: De Bello Gallico
Augustus: Res Gestae Divi Augusti
Römische Geschichtsschreiber: Cassius Dio, Plutarch, Cicero, Tacitus u.v.a.
William Shakespeare’s Julius Caesar und Antony and Cleopatra
Heroes (NBC)
Zwischen Poesie, Alltagsdrama und Comics ist diese Serie anzusiedeln, die das Superhelden-Sujet revolutioniert. Wer an X-Men, Superman und Batman die Fantasy-Aspekte nicht mochte, wird bei Heroes einen viel „realitätsnäheren“ Ansatz finden. Die „Superhelden“ von Heroes sind ganz gewöhnliche Menschen, für die ihr Alltag wichtiger ist als ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten, deren Schwächen, Beziehungen und Familienverhältnisse das eigentliche Thema dieser Serie bilden. Dennoch ist die Identitätsfindung der Protagonisten in einen viel umfassenderen Plot um die Zerstörung New Yorks durch eine Atombombenexplosion eingebunden, der die Spannung bis zum Schluss jeder Staffel aufrecht erhält und schließlich jeden der Charaktere der Serie miteinander verbindet. „Selbstfindung“, „Familienbande“ und „Kommunikation“ zwischen den Heroes sind die wichtigsten Themen dieser Serie rund um Peter Petrelli, Hiro Nakamura und der „Cheerleaderin“.
Einflüsse:
Stan Lee (Erfinder der Marvel-Comics Superhelden, insbesondere X-Men)
Joseph Campbell: Der Heros in tausend Gestalten
Prison Break (Fox)
Das Genre des Gefängnisausbruchfilms gibt es schon recht lange, aber „Prison Break“ hat es dennoch geschafft dieses Genre in eine ganz neue Dimension zu befördern. Das Gefängnis wird (wie bei jedem guten Gefängnisfilm) selbstverständlich zu einer Metapher für Sozietät und Zusammenhalt einerseits und Konflikt und Spaltung andererseits. Das Innen wird zum Außen und das Außen zum Innen. So sehnt sich der Zuschauer (und manch Charakter) nach dem gelungenen Ausbruch zurück in die hierarchisch geordneten und sozial geregelten Verhältnisse im Gefängnis zurück, nachdem immer klarer wird, dass „da draußen“ ein Chaos aus politischer Korruption, Willkürherrschaft und Gesetzlosigkeit herrscht. Selbst der übelste aller Verbrecher, der Kindermörder T-Bag, erscheint plötzlich humaner als die skrupellose Präsidentin der Vereinigten Staaten (die ein wenig wie Hillary Clinton aussieht). Auch hier vermittelt eine Serie eine gelungene Darstellung der Wirklichkeit als epische Metapher und stellt darüber hinaus die Frage, was im „land of the free“, Freiheit wirklich ist.
Einflüsse:
Literatur: Victor Hugo: Les Misérables, Stephen King: Shawshank Redemption
Filme: The Great Escape, Escape from Alcatraz, Cool Hand Luke
Lese-Tipp:
Der Dostojewski der TV-Serien – FAZ Artikel zur bisher unterschätzten TV-Serie „The Wire“, die es im deutschen TV noch nicht gab.

Ich kann dem Artikel über “The Wire” nur beipflichten. Habe die ersten zwei Serien auf DVD gesehen, vor allem die erste ist möglicherweise das beste Stück Fernsehen, dass ich je gesehen habe, und schlägt die meisten Kinofilme punkt Charakerisierung der Figuren, Dialoge, Kamera, einfach alles. Ansehen! Ich dachte mir genau das – der Konofilm entspricht der Short Story oder Novelle, aber so eine Serie läßt sich mit grossen Romanen vergleichen.
Anders, aber auch sehr gut gemacht ist die BBC Serie “Bleak House”, nach dem Buch von Charles Dickens, oder vielmehr nach seinem Forsetzungsroman – er schrieb diese Geschichten Mitte des 19 Jh. als wöchentliche Fortsetzungsgeschichten und schuf dafür den ersten Krimi-Inspektor, noch vor Sherlock Holmes. Der Stoff bietet sich daher für eine Serie an – die aber hier auch sehr gekonnt inszeniert wurde.
Sigrid
Von: Sigrid am 13. Februar 2008
um 18:35
Hier ist übrigens ein hübsches Interview mit den Darstellern von Bubbles und Bunk
http://www.maximumfun.org/blog/2008/01/podcast-wires-bubbles-and-bunk-andre.html
The Sound of Young America ist ansonsten auch sehr empfehlenswert.
Von: regular am 14. Februar 2008
um 11:02
whoops. das war ich eben.
Von: bioadapter am 14. Februar 2008
um 11:02
Dickens & Tolstoi galten glaub schon den ersten (ebenso episch orientierten) Filmemachern als Vorbild. Insbesondere D.W. Griffith. Seine beiden Klassiker Intolernace und Birth of a Nation sind etwa 3 Stunden lang. Was wirklich neu ist, ist die literarische Qualität dieser neuen TV-Serien in Punkto Charakter- und Plotentwicklung. Es wird immer mehr Wert auf Realismus, Autentitizität und Glaubwürdigkeit gelegt. Ausserdem versuchen diese TV-Drehbuchautoren immer den grossen Bogen zu spannen, d.h. aus den vielen kleinen Geschichten ein Gesamtbild einer Gesellschaft oder eines Themas herzustellen. Sowas war in Filmen bisher eigentlich so nicht möglich und wird es wohl auch nie sein. Deshalb werden Spielfilme wahrscheinlich zunehmend mehr dem Short-Story Format entsprechen, während TV-Serien immer mehr romanähnliche Formen annehmen werden.
Von: medienkritik am 14. Februar 2008
um 15:19
genau!
Von: Sigrid am 15. Februar 2008
um 22:56