Ein Berliner Blogger (La Deutsche Vita) meint, dass sich die Deutschen vor allem durch Negation, quasi im Ausschlussverfahren, selbst definieren. Sozialpsychologische Studien zeigen jedoch schon seit Jahrzehnten, dass dies nicht nur für die Deutschen gilt, sondern für nationale Identifikation im Allgemeinen. Vielleicht wäre es allerdings ohnehin besser sich als Individuum mit bestimmten Fähigkeiten, Talenten und Zielen zu definieren und nicht mittels national-ethnischer Schubladen. Ein Kommentar
In der Sozialpsychologie, Kulturwissenschaft und teilweise auch in der Soziologie wird schon seit mehreren Jahrzehnten das Thema „nationale Identifikation“ erforscht. Ein Schlüsselbegriff ist dabei das Konzept des „Anderen“ („The Other“). Im Grunde genommen funktioniert Identifikation (ob national, sozial oder geschlechtlich) immer und ausschließlich durch eine (oft aber nicht immer) negative Beschreibung des „Anderen“. Dieses Differenzdenken ist tief in den Strukturen der Sprache, über die „Beschreibungen“ ja funktionieren, eingebrannt (Saussure). Deshalb gibt es auch seit Langem eine psychoanalytisch orientierte Forschung, die sich vor allem mit linguistischen Problemen beschäftigt, hinsichtlich Fragen nationaler, sozialer und geschlechtlicher Identität. Vor allem die anglo-amerikanisch dominierten „Cultural Studies“ widmen sich ausgiebig diesem Thema. Leider haben die Kulturwissenschaften in Deutschland nicht mal im Ansatz denselben Stellenwert wie sie es in den USA und anderswo haben und deshalb klingen in Deutschland Diskurse über „nationale Identität“ oft recht altmodisch.
Das Problem der „ethnischen Identifikation“ ist andererseits ein Thema, das vor allem dann interessant wird, wenn es zwischen sozialen oder ethnischen Gruppen zu Konflikten kommt – da eben der „Andere“ vom Diskurs ausgeschlossen wird. Wenn es also zu einer zunehmenden Debatte über nationale oder ethnische Identität in nationalen Medien kommt, dann kann man auch davon ausgehen, dass es entweder bereits einen Konflikt gibt, oder dieser eben bald ausbrechen wird. In Deutschland ist die Debatte über nationale Identität voll im Gange, was auch nicht zufällig parallel zur Verunglimpfung der „Anderen“ innerhalb dieser Gesellschaft geschieht.
Lektüre Tips:
Benedict Anderson: Imagined communities (Wiki Zusammenfassung)
Edward Said: Imagined geographies (Saids Konzept als Wiki Zusammenfassung)

“Vor allem die anglo-amerikanisch dominierten „Cultural Studies“ widmen sich ausgiebig diesem Thema. Leider haben die Kulturwissenschaften in Deutschland nicht mal im Ansatz denselben Stellenwert wie sie es in den USA und anderswo haben und deshalb klingen in Deutschland Diskurse über „nationale Identität“ oft recht altmodisch.”
Randbemerkung: es ist leicht, die CS zu idealisieren, wenn man sie aus der Ferne betrachtet, ist mir auch passiert. Wenn man in einem CS-Studiengang steckt, wie ich gerade, merkt man sehr schnell, dass CS gerade durch ihre angebliche “Offenheit” sehr lästig sein können. Man diskutiert gut und gerne über vages und offenbar von der Empirie absolut losgelöstes Gewäsch. Die Fixierung auf die klassischen Regionalschwerpunkte der CS- bzw. postcol-Studies tut ihr übriges.
Von: bioadapter am 8. Februar 2008
um 11:45
Keine Sorge…ich kenne die CS auch aus unmittelbarer Nähe und empfinde vieles davon auch als “Gewäsch”. Andererseits gibt es aber eben auch herausragende Autoren und Akademiker in diesem Fach (so wie in allen anderen Fächern auch!) – gerade auch und insbesondere in den Postcolonial Studies (z.B. Edward Said). Die CS entstand ja im Grunde genommen in Londoner Schwarzen- und- Arbeiterghettos und ist deshalb eine demokratisch-akademische “grassroots” Bewegung, die seit den 60ern alle anderen “Geisteswissenschaften” fast schon aufgesaugt hat. Jedenfalls ist dieser “Cultural Turn” in den Universitäten bitter nötig gewesen. Umso trauriger dass es ihn in Deutschland nur schleppend und verzögert gab. Was sich daraus in Zukunft ergibt bleibt jedoch abzuwarten.
Von: medienkritik am 8. Februar 2008
um 12:01
“Die CS entstand ja im Grunde genommen in Londoner Schwarzen- und- Arbeiterghettos und ist deshalb eine demokratisch-akademische “grassroots” Bewegung [...]”
Ein fast schon kriminell verkürzender Blick auf die Entstehungsgeschichte der CS. Für eine “grassroots”-Bewegung hatten viel zu viele CS-Größen eine ganz schön elitäre Ausbildung genossen – R. Williams und E.P. Thompson in Cambridge, S. Hall in Oxford, R. Hoggart in Leeds usw. usf. — und was den “cultural turn” anbetrifft, so gab’s den in Deutschland schon zu Beginn der 30er mit dem Institut für Sozialforschung. Leider hat es die theoriepolitische Situation der Frankfurter später nicht erlaubt, das angedachte Forschungsprogramm umzusetzen…
Von: bioadapter am 8. Februar 2008
um 15:36
Falsch! Raymond Williams war Sohn eines Eisenbahnarbeiters, Richard Hoggart kam aus einer Arbeiterfamilie in Leeds und Stuart Hall (der allerwichtigste von allen) ist schwarz und Kind jamaikanischer Einwanderer. Alle drei kamen aus der englischen Unterschicht. Die meisten dieser frühen Cultural Studies Akademiker bekamen in ihrer Jugend Stipendien, weshalb man diese Generation und Bewegung auch “scholarship boys” nannte. Deshalb konnten sie auch in Oxford studieren. Aus der gesellschaftlichen Elite Englands kamen diese Jungs ganz sicher nicht! Nachzulesen auch in: “Die Stunde der Cultural Studies” von Rolf Lindner. Die “Frankfurter Schule” hat die Cultural Studies durchaus beeinflusst, aber musste ja bekannterweise in die USA auswandern. Die 68er Bewegung in Deutschland war jedenfalls eher eine Mittelklasse Veranstaltung.
Von: medienkritik am 8. Februar 2008
um 16:19
Es ist mir bekannt, wo sie alle herkommen. Jedoch – wer eine bestimmte elitäre Ausbildung durchläuft wird ganz automatisch mit den Werten und Vorstellungen der Eliten kontaminiert. Auch wenn man “dagegen” ist bleibt man ein Teil dieses Kontinuums. In deinem ursprünglichen Kommentar hat es sich so angehört, als hätte jemand mitten im Arbeiterviertel, quasi nach der Schicht die CS erdacht ;)
Von: bioadapter am 8. Februar 2008
um 19:32
So hab ichs nicht gemeint. Grassroots bedeutet ja im grunde genommen, das etwas “von unten nach oben” und nicht andersrum in bewegung gesetzt wird. Die CS war damals ja auch inhaltlich vor allem working-class orientiert. Der Begriff Culture bedeuete da vor allem “Alltagskultur”, aber eben nicht die Alltagskultur der Elite, sondern der der unteren sozialen Schichten. Die Biographien sind deshalb ja auch kein Zufall. Ausserdem gehört jermand noch lange nicht zur Elite, nur weil er auf ner Elite-Uni war. Spätestens nach Beendigung deines Studiums wirst du das dann auch merken ;)
Von: medienkritik am 9. Februar 2008
um 04:18