Junge Männer sind überall gleich – so möchte man meinen. Nicht aber in Deutschland. Hierzulande bauen ganze soziologische Theoriekolosse, Mediendiskurse und vielleicht sogar Gesetze auf dem Schema guter junger Mann vs. böser junger Mann auf. Die guten jungen Männer sind dabei zumeist blond, blauäugig und erstgeboren (daher nicht überflüssig), die bösen hören Bushido, verprügeln Rentner und essen Döner (daher überflüssig). Kommentar zu einem der dümmsten sozialpolitischen Debatten des letzten Jahrzehnts.
„Junge Männer: Die gefährlichste Spezies der Welt“, so heißt die neueste Spiegelausgabe, die am Montag in ihrem Kiosk erscheint. „Die Migration der Gewalt“, so heißt der pseudo-philosophische Untertitel. Eindeutig, dass damit Roland Kochs Lieblingsthema („Abschiebung von delinquenten Ausländern“) in ausführlicher Länge und Breite ausdiskutiert werden soll.
Dahinter verbirgt sich jedoch ein soziologisches Theoriegebäude, das bisher weder statistisch bestätigt noch kritisch hinterfragt wurde. Die Rede ist von der sozio-historischen Demographiestudie „Söhne und Weltmacht. Terror im Aufstieg und Fall der Nationen“ (Orell Füssli Verlag) vom Völkermordforscher und Soziologen der Uni Bremen Gunnar Heinsohn. Ein weiterer passender Titel wäre jedoch auch gewesen: „Germano-Phobia … oder wie man die Angst vor dem Wilden intellektuell verschlüsselt“.
Heinsohns Thesen beruhen auf dem so genannten „youth bulge“-Phänomen, einer demographischen „Anomalität“, die derzeit vor allem in islamischen Ländern aufzufinden sein soll. Heinsohn argumentiert außerdem, dass Westeuropa bald von „Wilden“, d.h. kriegsbereiten, aggressiven (behaarten) jungen Männern überschwemmt wird. Seine Argumente sind vor allem historisch: immer wenn Gesellschaften zu viele Söhne hatten, wusste man nichts Besseres mit ihnen anzufangen, als sie in die Armee zu schicken, um damit ein Imperium aufzubauen. Klingt alles schlüssig – zumindest als paranoide Angstneurose ….
Weitere empfehlenswerte Bücher zum Thema „Wütende junge Männer aus der Dritten Welt machen mir Angst“ wären:
- das philosophische Magnus Opum Peter Sloterdijks „Zorn und Zeit„
- der 700 Seiten Roman „Herr der Hörner“ vom Zeit Journalisten Matthias Politycki
Links
Zeit-Artikel: Gunnar Heinsohns wilde Thesen
Zur Kulturgeschichte des „Wilden Mannes“ (Wiki)
