Philosophische Dokus sind rar gesät, aber David Barison`s und Daniel Ross` 190 minütiger Film „The Ister“ zeigt, wie Text (oder Ton) und Bild ganz neue Assoziationen eingehen können. Dieser sehr elegant strukturierte „river-road-movie“ ist inspiriert durch Martin Heideggers Vorlesung über Hölderlins Hymne „Die Ister“ (lateinisch für „Donau“) aus dem Jahr 1942. Heideggers Gedanken zu Hölderlin werden gelegentlich als Text eingeschnitten. Allerdings konzentrieren sich die Filmemacher darauf, die sozio-politischen Realitäten und Kulturgeschichten der Donau-Nationen Rumänien, Serbien, Kroatien, Ungarn, Österreich und Deutschland mit abstrakten Reflexionen der französischen Philosophen Bernhard Stiegler, Jean-Luc Nancy und Philippe Lacou-Labarthe zu kontrastieren. Nie wirken die bildlichen Assoziationen zum philosophischen Diskurs willkürlich, aber andererseits auch nicht eindeutig und regen so zu einem regelrechten „river-thought-trip“ an …
… for man, it is an eternal question. Who are we? Should we develop computers? Should we land on the moon? Should we raze that forest? Build that dam on Hölderlin’s river? Should we do that? Technics is the question. As soon as I am technical, I am questioning. That is why Zeus is forced to send Hermes.
- Bernard Stiegler (in The Ister)
Struktur und Inhalt des Films
* Prolog
Stiegler erzählt den Mythos von Prometheus und Epimetheus.
Genauso wie Heidegger die mystische Hymne Hölderlins über die Donau als Inspirationsquelle und Sprungbrett für ein Grübeln über Technologie benutzt (ausgehend von seiner Studie „Sein und Zeit“, 1927), so benutzt auch Stiegler den Hellenismus Heideggers als Rahmen um einerseits auf die Krise „permanenter Innovation“ seit der Post-Industriellen Revolution und andererseits auf den antiken griechischen Mythos über die Aneignung von „tekhne“ durch den Menschen hinzuweisen (Prometheus stahl Hephaestus das Feuer um es den Menschen zu geben, da Epimetheus vergaß den Menschen Fähigkeiten zu verleihen, die er lediglich Tieren gab).
* Kapitel 1. Now come fire!
Stiegler diskutiert die Evolution der Menschheit im Kontext von Technik und Zeit.
Während die filmische Schiffsfahrt an der Mündung der Donau am Schwarzen Meer beginnt und sich flussaufwärts bis zur Quelle in Donaueschingen hocharbeitet – archäologische Ausgrabungen in Rumänien, die Zerstörung der Donaubrücken in Novi Sad (Serbien) während der NATO Bombardierung Jugoslawiens im Jahr 1999 und Vukovars (Kroatien) Gedenkfeiern an den Krieg mit Serbien im Jahr 1992 zeigend – beginnt der philosophische Diskurs mit einem Bernhard Stiegler Interview über die Ursprünge menschlicher Evolution. Der Film spielt dadurch mit Polaritäten wie Ursprung vs. Ende oder historischer Linearität, Erinnerung und Evolutionsmythen. Stiegler`s Exkurs über den Mythos von Epimetheus und Prometheus, erklärt einer seiner zentralen Thesen aus seinem Hauptwerk „La technique et le temps, 1: La faute d’Épiméthée“: die Genese der Technik geht nicht nur einher mit der Genese des Menschheit, sondern auch mit Vorstellungen von Evolution, Zeitlichkeit und Geschichte. Die Bilder von den Nachwirkungen des zerstörerischen Kriegs in den Donau-Nationen des ehemaligen Jugoslawien konterkariert dabei die Idee einer teleologischen Evolution durch Technik.
* Kapitel 2. Here we wish to build.
Nancy diskutiert die Polis, Recht und Demokratie im Kontext von Mythos und staatlicher Souveränität.
Von diesen sehr grundsätzlichen Gedanken über Ursprungs- und Evolutionsmythen im Kontext der „tekhne“ (griech. für Technik), beschäftigt sich dann Jean-Luc Nancy im nächsten Interview mit sozio-politischen Organisationsformen, wie etwa der Polis, Demokratie und der Legitimität staatlicher Souveränität. Nancy`s Diskurs wird ironisch mit Bildern einer ungarischen Stadt, die im Jahr 1949 unter dem Namen „Stalinvarosz“ neu erbaut wurde und nun „Donauvarosz“ heißt, kontrastiert. Des Weiteren wird in diesem Teil auch thematisiert, wie Statuen und Symbole nationaler ungarischer Identität ausgetauscht oder neu erschaffen werden.
* Kapitel 3. When the trial has passed.
Lacoue-Labarthe diskutiert das Verhältnis von Heidegger zum Nationalsozialismus.
Ausgehend von Heideggers damals (1949) skandalöser These, dass die moderne technologisierte Landwirtschaft im Grunde vergleichbar mit der technologisierten Produktion menschlicher Leichen in Gaskammern ist, diskutiert der französische Heidegger Spezialist Lacue-Labarthe Heideggers Schulterschluss mit den Nazis, wobei er dann auch auf Heideggers Ignoranz gegenüber dem Holocaust zu sprechen kommt. Der Film zeigt unterdessen Bilder vom ehemaligen österreichischen KZ Mauthausen und dessen Gaskammern. Lacue-Laborthe erklärt in diesem Abschnitt dass die Gaskammern eine Zäsur des humanistischen Geistes, im Sinne von pneuma (griech. für Atem = Geist, esprit, spirit) darstellen. „We don`t breathe very much, but we still breathe. But European humanity, which is wide and far-reaching, has since pulmanory difficulties.”
* Kapitel 4. The rock has need of cuts.
Stiegler diskutiert Heidegger, Edmund Husserl, und Sterblichkeit.
Während die Filmemacher ein letztes mal zu Bernhard Stiegler kommen und ihn über Heideggers Verständnis von „Sterblichkeit“ (in „Sein und Zeit“, 1927) befragen, sehen wir auch weiterhin Bilder vom ehemaligen KZ und Arbeitslager Mauthausen, unter anderem mit der „Todestreppe“, die zu einem Steinbruch führt, auf dem die Inhaftierten arbeiten mussten. Heideggers Definition von „Da-Sein“ steht in unmittelbaren Bezug zur Kenntnis des Menschen von seiner eigenen Vergänglichkeit, dem Nicht-Da-Sein, dem Undefinier- und Unerfahrbaren. Die Technologie jedoch verleitet den Menschen dazu das Undefinierbare, den Tod also, zu kalkulieren und definieren. Was Heidegger allerdings nicht berücksichtigt, so Stiegler ist, „dass es die Technologie den Menschen auch erlaubt die Erfahrung der eigenen Sterblichkeit zu durchleben. Technologie ist also die Bedingung für die Erfahrung der eigenen Sterblichkeit.“
* Kapitel 5. What the river does, no-one knows.
Syberberg diskutiert Heidegger, Hölderlin und das Schicksal von Deutschland.
Der deutsche Filmemacher und Künstler Hans-Jürgen Syberberg spricht in diesem letzten zunehmend düsteren Kapitel über Vergangenheit und Zukunft Deutschlands, wobei auch Ausschnitte aus Syberbergs 7-stündigen Experimentalfilm-Epos „Hitler – Ein Film aus Deutschland“ (1978) gezeigt werden. Während sich das „river-road-movie“ zunehmend der Donauquelle über Regensburg in Bayern, Hohenzollern und schließlich Donaueschingen im Schwarzwald und darüber hinaus annähert, und sich gleichzeitig mit deutscher Vergangenheit auseinandersetzt, behauptet Syberberg, dass das alte „spirituelle“ Deutschland Heideggers längst nicht mehr existiert.
*Epilog: Heidegger reads Hölderlin.
Heidegger liest Hölderlin`s Hymne „Die Ister“
Weiterführende Links
- TheIster.com (Webseite des Films)
- The Ister (2004) (IMDb)
- Hans-Jürgen Syberberg (Wikipedia Artikel)
- Jean-Luc Nancy (Wikipedia Artikel)
- Bernard Stiegler (Wikipedia Artikel)
- Philippe Lacou-Labarthe (Wikipedia Artikel)

