Verfasst von: medienkritik | 19. Februar 2007

Abu Ghraib und das Stanford Prison Experiment

asp-cov.gifEin amerikanischer Dokumentarfilm namens „The Human Behavior Experiments“ (2006) hat ein paar interessante Parallelen zwischen dem Klassiker aller sozialpsychologischen Experimente, dem Stanford Prison Experiment von 1971 und den Misshandlungen irakischer Gefangener in Abu Ghraib aufgedeckt. Am interessantesten ist vielleicht, dass sich einige Bilder auf erschreckende Art und Wesie ähneln. So zum Beispiel einige Praktiken der Erniedrigung und Demütigung, wie etwa das Aufstülpen von Plastik- bzw. Papiertüten über die Köpfe der Opfer. Ein Zufall?

The Human Behavior Experiments
Der 60-minütige Dokumetarfilm „The Human Behavior Experiments“ wurde von dem Regisseur Alex Gibney („The Trials of Henry Kissinger“) gedreht und im Juni 2006 auf Court TV und dem Sundance Channel ausgestrahlt. Der Film fasst zwei der berühmtesten sozial-psychologischen Experimente und den „Kitty Genovese“ Vorfall zusammen und lässt zahlreiche Teilnehmer, Wissenschaftler und Experten zu Wort kommen. Folgende Experimente/Geschehnisse werden in dem Film besprochen:

Milgram Experiment (Yale University, 1961)
Autorität und Unterwerfung mit Elektroschocks. Stanley Milgram zeigt in diesem Experiment auf schockierende Art und Weise, wie sich Individuen von Autoritäten zu grausamen Strafen mit Elektroschocks anleiten lassen, ohne die Prozedur zu hinterfragen.

Kitty Geneovese Inzident: „Bystander Effekt“
Kitty Genovese, war eine New Yorkerin, die in der Nähe ihres Hauses erstochen wurde. Die Umstände ihrer Ermordung und die Untätigkeit ihrer Nachbarn wurde durch einen Zeitungsartikel, der zwei Wochen später erschien, sensationslüstern wiedergegeben und regte Untersuchungen zu dem psychologischen Phänomen an, das als „Bystander-Effekt“ oder „Genovese-Syndrom“ bekannt geworden ist.

Stanford Prison Experiment (Stanford University, 1971)
Autorität und Unterwerfung als Gefängnis-Rollenspiel mit Wärtern und Gefangenen. Dr. Philip Zimbardo von der Stanford Universität zeigt anschaulich, wie in bestimmten gruppendynamischen Situationen aus ganz normalen Menschen Opfer und Täter werden.

Von Papier- zu Plastktüten: Abu Ghraib und das Stanford Experiment
Einige Aufnahmen der Stanford Studie sind den Abu Ghraib Fotos unheimlich ähnlich: Gefangene posieren in sexuell demütigenden Positionen mit Plastiktüten hier und dort mit Papiertüten über ihren Köpfen.

Der Dokumentarfilm hat im letzten Jahr einige Diskussionen in den USA ausgelöst. Beispielsweise, ob sadistische Praktiken amerikanischer Soldaten angesichts der Parallelen zu berühmten sozial-psychologischen Experimenten zu entschuldigen sind etc. Obwohl die Parallelen zwischen Stanford und Abu Ghraib augenscheinlich sind, sollten sich Verantwortliche des amerikanischen Militärs eher fragen, wie es zu solchen Situationen wie in Abu Ghraib überhaupt kommen kann …

Links:
Regisseur Alex Gibney (Wiki)
Abu-Ghraib-Folterskandal (Wiki)
Doku (Veoh): HBO: Ghosts of Abu Ghraib

UPDATE 1:
Tilman Wolff hat Alex Gibneys Doku für den WDR bearbeitet. Unter dem Titel „Die Bestie in uns – Wissenschaftler erforschen menschliche Abgründe“ läuft der Bericht am Dienstag, dem 11. Dezember 2007 um 21 Uhr im WDR

UPDATE 2:
Skandalös, aber wahr. Alle verantwotlichen Abu Ghraib Offziere wurden von US-amerikanischen Gerichten freigesprochen. Nur untere Ränge wurden verurteilt. Obwohl in diesem Fall die Aufsehenspflicht der Verantwortlichen grob missachtet wurde, gibt es weder für Offiziere noch für Politiker strafrechtliche Konsequenzen. Offensichtlich wird Abu Ghraib somit als „Aussetzer“ psychologisch labiler Personen interpretiert und nicht als Politikum. Weitere Infos in diesem Artikel.

UPDATE 3:
Alex Gibney erhält einen Oscar für seinen Dokumentarfilm „Taxi to the Dark Side„. Der Film behandelt den kontroversen Tod eines afghanischen Taxifahrers in einem US-amerikanischen Gefängnis. Der unschuldige Häftling wurde von Soldaten gefoltert und zu Tode geprügelt.


Antworten

  1. hallo, ich habe den film „das experiment“ vor einer woche mit meiner klasse im gemeinschaftskunde unterricht gesehen. und ich finde es sehr erschreckend, dass so ein experiment wirklich durchgeführt worden ist und es wundert mich nicht, dass die soldaten im irak ähnlich reagieren wie die personen damals, weil sie ja in einer ähnlichen situation sind und psychisch extrem auf die probe gestellt werden. mich hat sehr erstaunt, dass man das experiment ganze sechs tage durchgezogen und nicht schon viel früher abgebrochen hat.
    im letzten schuljahr habe ich im religionsunterricht auch etwas über das „milgram experiment“ gehört und fand es auch ziemlich krass. außerdem finde ich, dass man solche versuche nicht machen sollte, man hat ja gesehen wo das hinführt. vorallem, weil eh jeder mensch anders reagiert wie der andere, deshalb könnte man das verhalten der verschiedenen personen nicht verallgemeinern. mich persönlich würde auch interessieren, wie es den beteiligten danach ergangen ist. ob die wärter ihre taten beispielsweise mit ihrem gewissen vereinbaren konnten. auch wenn ich nichts darüber gefunden habe was aus den personen geworden ist nehme ich doch an, dass zumindest ein paar der „gefangenen“ in die psychatrie gekommen sind, weil sie mit den schocks der demütigungen nicht fertig geworden sind. wie kann man nur ein projekt so ausarten lassen, dass die beteiligten psychische schäden davon tragen? so etwas sollte verboten werden! Mfg Verena, 15

  2. Naja mich wundert es schon etwas dass Menschen in solchen Situationen zu grausamen Bestien werden, die Spass daran haben Schwächere zu demütigen oder zu misshandeln. Jedenfalls lässt sich daraus vor allem schliessen, dass diese Individuen gewaltige Defizite in ihren Moralvorstellungen haben.

  3. Wieso wundert dich das?
    Versetze dich einmal in die Situation?
    Die situativen Kräfte sind enorm, draußen tobt der Krieg, täglich detonieren Granaten auf den Türmen des Gefängnisses.
    Die Arbeitsbelastungen sind immens, die Strapatzen sowie die Furcht und das Drängen der MI auf dieMP.
    Deine Ansichten sind naiv.
    Deien dispositionelle Erklärung trifft definitiv nicht zu.
    Das soll nichts entschuldigen, aber die wahren Täter sind die höheren Offizieren, Generäle, Rumsfeld, Cheney und Bush

  4. Adorno sprach im Zusammenhang mit autoritätshörigen Sadisten von „schwachen Subjekten“. Auch unter widrigen Stresssitautionen gibt es eben einen Unterschied zwischen moralisch integren Menschen und Menschen, die unter solchen Umständen zu Sadisten werden, die andere quälen, um ihre eigenen Schwächen und Ängste zu überspielen (siehe etwa KZ-Wärter im nationalsozialistischen Deutschland). Ein ganz simpler psychologischer Zusammenhang. Bän, deine Ansichten sind gelinde gesagt recht einfältig und darüberhinaus auch ziemlich dumm.

  5. Sprach der, der selbst tägliche Gefechte hatte, mit Insassen aufgrund korrumpierter wachen.
    Der 40 tage am stück 12 stunden arbeitete und einen tag frei bekam.
    Sicherlich gibt es Ausnahmen, aber die sind leider nicht der Regelfall

  6. Ändert nichts an der Tatsache, dass dies moralisch degenerierte Persönlichkeiten sind…auch wenn sie 100 Tage am Stück 15 Stunden pro Tag arbeiten!


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